Inhaltsverzeichnis

Expeditionen

Begriff

Lateinisches expedītio bedeutet ‘Erledigung, Abfertigung, Durchführung, Feldzug', also einen organisatorischen Vorgang, der zuerst militärisch gedacht wurde und in Begriffen wie Expeditionskorps, Expeditionsarmee bis heute erscheint.

In heutigen Begriffen zeigt 'expedition' als Letztglied besonders schwierige zivile Unternehmungen an: Arktisexpedition, Dschungel- oder Wüstenexpedition, Nord- oder Südpolexpedition, Polarexpedition, Such- und Rettungsexpedition, Tierfangexpedition. Gemeinsam ist diesen, dass nicht nur etwas erreicht, sondern auch zurückgebracht wird, welchem Wert zugemessen wird.

Im Vordergrund stehen dabei Erkundungs- und Forschungsexpeditionen. Im Englischen wird die Forschungsexpedition als 'exploration' bezeichnet, während im Deutschen die Exploration die Suche und das Erschließen von Rohstoffvorkommen bezeichnet, was wiederum durchaus die Aufgabe einer Expedition sein kann. Es kann abgeleitet werden vom lateinischen ex prolator 'se porter en avant vers l’extérieur'. 1)

Immer wird dabei die Unternehmung einer Gruppe verstanden, hierarchisch unterschieden werden Expeditionsleiter und Expeditionsteilnehmer. Das lässt sich so interpretieren, dass sowohl im Entstehungs- als auch im Verwendungszusammenhang Leistungen und Funktionen mehrerer Menschen erforderlich sind und koordiniert werden müssen.

Das kann unterwegs Hierarchie und Kommandostruktur erfordern anders als bei Reisegefährten. Das kann aber auch eine Ein-Mann-Expedition sein, wenn Entstehung und anschließende Verarbeitung in gesellschaftliche Zusammenhänge eingebettet sind. Es muss jedoch ein Organisatiossystem sein, denn zu 'Expedition' gibt es kein Verb in den modernen Sprachen, es dient als Kategorie, der Tätigkeiten zugeordnet werden: erkunden, entdecken, erforschen > Forschungsexpedition.

Die Unternehmungen Einzelner (Abenteurer) als 'Expedition' zu bezeichnen wäre durch die genannten Kriterien nicht gerechtfertigt, weil ihre Zielsetzung ebenso isoliert formuliert wird, wie das Ergebnis eine persönliche Errungenschaft bleibt, der Maßstab wird nicht von außen angelegt.

Die Einführung des Begriffs im Sinne von Voyage oder Reisen

Die Fahrt von Giovanni 'John' Caboto (um 1450 bis nach 1498) 2) 1497 zur kanadischen Küste gilt als erste britische maritime Expedition. Da es keinerlei unmittelbare Dokumente dieser Fahrt gibt, bleibt unbekannt, ob sie auch damals schon als 'Expedition' bezeichnet wurde. Im königlichen Patent von 1496 heißt es „omni viagio suo“, in der englischen Übersetzung 'voyage'. Erstmals belegt ist der Begriff 'expedition' 1580:

Die Karte wurde um 1587 von einem unbekannten Zeichner erstellt als eine verkleinerte Kopie der Karte, die Drake 1581 für Königin Elisabeth I. angefertigt hatte. Letztere ist verbrannt, die Kopie damit die älteste Karte der Weltumsegelung von Drake mit The Golden Hind. Diese Karte zeigt die Route der Weltumsegelung 1577–1580 mit einer hellbraunen Linie und die seiner Karibikreise 1585–1586 mit einer dunkelbraunen Linie. Drake, der als Kaperfahrer bekannt wurde, umsegelte 1577–1580 die Welt. Ob dies sein Auftrag war, ist unbekannt. Jedenfalls kaperte er spanische Schiffe und bescherte seinen Finanziers einen Gewinn von 4700 Prozent (Wikipedia).

Richard Hakluyt verwendet den Begriff 1582 häufig (Principal navigations).

Samuel Purchas verwendet den Begriff 'expedition' 1625 einige Male im Sinne von voyage, doch vergleichsweise selten und manchmal negativ konnotiert (fatall, miserable), was das Ergebnis einer solchen angeht, etwa zu Sir Francis Drakes letzter Fahrt: »Toomit other braue exploits neerer home, as that most glorious of 88, and the rest: our puposer is to give you the remote Voyages of this worthy Sea-man; and now lastly that last and fatall expedition Anno 1595 …« 3).

Gehäuft im Sinne von Entdeckungsfahrten erscheint der Begriff erst im 18. Jahrhundert, etwa:

Immerhin hatte sich der Begriff so weit durchgesetzt, daß der schottische Schriftsteller Tobias Smollett (1721–1771) ihn 1771 im Titel (The Expedition of Humphry Clinker, Online) seines letzten und erfolgreichsten Romans verwendete. Die satirische Verwendung setzt eine allgemeine Vertrautheit mit dem Begriff voraus.

Im Französischen erscheint 'expedition' erstmals im Sinne von voyage und ohne militärischen Kontext 1618, danach in Übersetzungen von Dampiers Expedition als wörtliche Übernahme, 1739 in der französischen Ausgabe (nur dort)von Roggeveens Weltreise und schließlich für französische Forschungsreisen 1747:

Im Deutschen erscheint 'Expedition' im Sinne von Reisen wohl zuerst bei Johann Joachim Schwabe, 1748 im ersten Band seiner Allgemeine Historie der Reisen zu Wasser und Lande (Online). Auch bereits früher, aber dann als 'Alexanders' Expedition' (1715) oder 'Von der Argonauten Expedition' (1747), also noch im Sinne einer auch militärischen Unternehmung.

Im Spanischen wurden die Unternehmungen der Conquista armada de rescate, jornada oder entrada genannt, wobei nur die erste Bezeichnung sowohl die Mittel (Waffen) als auch das Ziel (Beute) benennt. 4)
1825 verwendet Navarrete „Expediciones al Maluco“ als Oberbegriff für: Viage de Magallanes y de Elcano, Viajes de Loaisa y Saavedra im Unterschied zu 'Viages menores' und 'Viages de Colon'.

Im Niederländischen hält sich expeditie lange im Sinne einer militärischen Unternehmung und findet sich zuerst 1856 im Sinne von 'Reisen':

Tabellarischer Sprachvergleich

Deutsch Englisch Französisch Spanisch Italienisch Niederländisch
Expedition expedition
exploration
expédition expedición spedizione expeditie
Entdeckungs-reise voyage of discovery voyage de découverte viaje de descubrimiento viaggio di scoperta ontdekkingsreis
Forschungs-reise research trip voyage d'exploration scientifique viaje de investigación viaggio di ricerca onderzoeksreis
erkunden explore explorer explorar esplorare verkennen
scout repérer reconocer perlustrare verkennen
entdecken discover découvrir descubrir scoprire ontdekken
find trouver hallar ritrovare vinden
erforschen investigate rechercher investigar ricercare onderzoeken
research étudier indagar studiare bestuderen

Expeditionen zum Erschließen des Raumes

Raumvorstellungen

Expeditionen in unbekannte Räume und Richtungen

Expeditionen, die Routen erkunden

Ziele & Instruktionen

Organisation

Maritime Vorläufer von Expeditionen

Strukturell vergleichbar mit Expeditionen sind Handelsfahrten, die außerhalb bekannter Routen neue Märkte oder exklusive Waren suchten (→ Fernhandelsnetzwerke). Kaufleute, Schiffseigner und Schiffsführer koppeln sich dabei:

Ursprünglich waren diese drei Funktionen in Personalunion vereint, das Projekt war ein 'Abenteuer'.
Seehandelsunternehmungen (Commenda) entstanden, indem die Funktionen von Kapitalgeber, reisendem Kaufmann und Schiffseigner verschiedenen Personen zufielen. Innerhalb von Familien fanden sich Kaufleute, Schiffseigner, Navigatoren, Kartographen und Kompassbauer:
Karte, Kartographen & Kartographie im 14. Jahrhundert
Karte, Kartographen & Kartographie im 15. Jahrhundert
Karte, Kartographen & Kartographie im 16. Jahrhundert

Im Unterschied zu europäischer Küstenfahrt unterliegen maritime Unternehmungen in unbekannte Räume besonderen Bedingungen:

Wochenlange Fahrten brachten neue Probleme mit sich:

Unter diesen Bedingungen erhält ein Bord- oder Schiffsarzt (früher: barber surgeon) eine andere Bedeutung. Findet sich ein solcher auf der Mannschaftsliste, ist dies ein Indiz für ebensolche Bedingungen.

Merkmale früher Expeditionen

Francis Drake (1540–1596) war ein bekannter Buccaneer im königlichen Auftrag und führte den Begriff der 'Expedition' für eine Unternehmung ein, die als erfolgreiche Kaperfahrt endete, die aber auch eine erfolgreiche Weltumsegelung (1577–1580) war und sich in beider Hinsicht von Vorgängern abhob.

William Dampier (1651–1715) war ein bekannter Buccaneer im königlichen Auftrag und benutzte den Begriff der 'Expedition' für seine Unternehmungen, die jedoch mehr seiner akribischen Beobachtungsergebnisse wegen berühmt wurden: Küstenlinien, Strömungskarten, biologische Beobachtungen auf Galapagos u.a.m.

Zwischen diesen beiden Fahrten ist ein Paradigmenwechsel zu beobachten. Die maritime Unternehmung nicht nur als militärische Option oder zum Erzielen einer Handelsrendite einzusetzen war neu, obwohl die zugrundeliegenden Sach- und Organisationssysteme es nicht waren. Doch die Ergebnisse enthalten Neues, Ungesehenes und Unerhörtes, erkennbar an den Titeln („account“, „relatio“ → Motsch: Reisesammlungen) der Reiseberichte.

Im 18. Jahrhundert sind funktionale Differenzierungen verschiedener Art zu beobachten:

Organisationsschema & Figuren

Eine Expedition ist gekennzeichnet durch

  1. funktionale Differenzierung, die sichtbar wird durch unterschiedliche Figuren und deren Aufgaben;
  2. erhöhte Ansprüche an Autarkie und Autonomie durch entsprechende Vorsorge.
Figur/Funktion vorher unterwegs nachher Maritim
Reeder Ausrüstung, Bemannung
Auftraggeber Zielsetzung
Finanzierung
Kaufmann Investition
Expeditions-
leiter
Itinerar
Ausrüstung
Team (Auswahl)
Reiseberichte
Apodemik
Ausrüster
Kommando, Strategie
Verantwortung
Account
Relation
Kapitän Schiffsführer
Der Alltag unterwegs Lokale Experten
Stellvertreter Vorbereitung Organisation, Sicherheit Bericht 1. Offizier Arbeitsabläufe kordinieren,
Sicherheit überwachen
Wächter
Navigator Vorbereitung Orientierung
Kartographie
Karten Nautischer Offizier Navigation,
Kurs, Wetter
Führer Sichere Wege
Logistiker Vorbereitung Routen, Transport,
Permits, Nachschub
Bootsmann
Träger, Tierführer Lasten; Zug-/Lasttiere
Kommunikation
Dolmetscher Sprach- & Kulturtransfer
Quartiermeister Vorbereitung Verpflegung Smut
Koch
Ingenieur Vorbereitung Instandhaltung
Fahrzeuge, Ausrüstung
Maschinist
Handwerker Reparaturen
Schutz
Militär Verteidigung Verteidigung
Expeditions-
arzt
Gesundheit Barber-Surgeon
Schiffsarzt
Kleriker Religion Kirche
Experten: Beobachten, Sammeln, Dokumentieren
Naturforscher
Wissenschaftler
Messungen, Probenahme,
Sach-
dokumentation
Sammlung
Auswertung
Maler
Photograph
Bild-
dokumentation
Bilder
Hinterland-Erschließung
Vermesser Landschaften vermessen Messdaten

Das Schema ist idealtypisch vereinfacht. Varianten entstehen durch

Verweise & Literatur

Erde
→ Erstes und zweites Gesetz der Geographie
Ethnographische Filme, Expeditionsfilme und Tierfilme
Expeditionsküche
Expeditionsmaler
Linnés 'Apostel'
Expeditionsmarken und Padrões ('Portugiesenkreuze')
Expedition medicine (Wikipedia)
Expeditionsmobile

Literaturliste Expeditionen


,,reisegeschichte.de © 1998–2026 Norbert Lüdtke. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.,,

1)
Yves Lacoste ((Lacoste, Y.
De la géopolitique aux paysages - Dictionnaire de géographie
Paris 2003: Armand Colin; =Dicionário de geografia : da geopolitíca às paisagens Lissabon 2005; ziziert nach Lecoquierre, s.u.
2)
Sein Sohn Sebastian Cabot (1472–1557) war nach eigener Aussage dabei.
3)
Purchas, Samuel
Purchas his pilgrimes
In five bookes. Vol. 4. 1625. Online
5)
Nixon 1946, S. 145
6)
Lev Semyonovich Berg (1876–1950)
Открытие Камчатки и экспедиции Беринга 1725—1742. Часть I. Первая экспедиция Беринга к Берингову проливу (1725—1730), ]5]: Online
7)
Jean-Jacques Rousseau
Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes
Paris 1755, Note X. Hier zit. nach: Œuvres Complètes De j. J. Rousseau. Tome I Paris 1823: chez p. Dupont, libraire-editeur. Fußnote 10 S. 336-342, Online
8)
„Lorsque les petites lettres de M. de Maupertuis contenant divers articles de projets propres à l'avancement des sciences eurent été publiées après la lecture qui en fut faite au premier moment de leur nouveauté dans une assemblée particulière de gens de lettres l'auteur de l'histoire qu'on donne ici parla pendant une demie heure à cette occasion sur le premier article des projets qu'on venoit de lire où l'on propose de travailler à faire de plus grandes découvertes dans les Terres australes. Il se trouvoit fort au fait de cette matière sur la quelle il avoit eu la même pensée & qu'il avoit dès longtems examinée en citoyen & en géographe. Il étoit par conféquent en état d'expliquer dans un plus grand détail de circonstances ce que les petites lettres n'avoient voulu que proposer en très peu de mots“
9)
Lacoste, Y.
De la géopolitique aux paysages - Dictionnaire de géographie
Paris 2003: Armand Colin; =Dicionário de geografia : da geopolitíca às paisagens Lissabon 2005