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wiki:vaganten

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wiki:vaganten [2026/03/21 18:31] – [Literatur] Norbert Lüdtkewiki:vaganten [2026/04/15 16:10] (aktuell) – ↷ Links angepasst, weil Seiten im Wiki verschoben wurden 17.246.19.222
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 ===== Frühes Mittelalter: clerici vagi ===== ===== Frühes Mittelalter: clerici vagi =====
  
-Im frühen [[wiki:reisegenerationen#Der Blick zurück: Das Mittelalter als Epoche| Mittelalter ]] ([[wiki:reisegenerationen#Etwa ab dem 5. Jahrhundert|5.-6. Jahrhundert]]) die Bezeichnung für umherziehende Geistliche (lat. **clerici vagi**) in vielen Formulierungen und Schreibformen, vereinzelt traten gar //Wanderbischöfe// //episcopi vagantes// und //Presbyteri vagantes// auf, immer [[wiki:per_pedes_apostolorum|per pedes apostolorum]], immer unter dem misstrauischen Auge der Kirche, die die [[wiki:stabilitas_loci|stabilitas loci]] bevorzugte. Manchmal synonym für [[wiki:wandermoench|Wandermönche]] auf der [[wiki:peregrinatio|Peregrinatio]] religiosa im allgemeinen und im Besonderen für Angehörige (Mendikanten) der Bettelorden wie etwa der Franziskaner sowie für jene, die es ihnen äußerlich gleichtaten, also frömmelnd bettelten:\\ //»Ecce sacerdotes vagant, populus claudicat, Ecclesia decrescit.«// ((''Agnellus'' sive Andreas Ravennatensis  (um 805–846), //Liber Pontificalis//, 106, 0605C, 265, 40, 71; 17 s. [[http://www.mlat.uzh.ch|MLS Corpus corporum]]))\\ sowie für Söldner: //»Milites. Libere vagant, thesauros Constantiae erogant.«// ((//Hrotsvita Gandeshemensis// (935-974), Dramatica series, 109; 297 )).+Im frühen [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Der Blick zurück: Das Mittelalter als Epoche| Mittelalter ]] ([[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Etwa ab dem 5. Jahrhundert|5.-6. Jahrhundert]]) die Bezeichnung für umherziehende Geistliche (lat. **clerici vagi**) in vielen Formulierungen und Schreibformen, vereinzelt traten gar //Wanderbischöfe// //episcopi vagantes// und //Presbyteri vagantes// auf, immer [[wiki:per_pedes_apostolorum|per pedes apostolorum]], immer unter dem misstrauischen Auge der Kirche, die die [[wiki:stabilitas_loci|stabilitas loci]] bevorzugte. Manchmal synonym für [[wiki:wandermoench|Wandermönche]] auf der [[wiki:peregrinatio|Peregrinatio]] religiosa im allgemeinen und im Besonderen für Angehörige (Mendikanten) der Bettelorden wie etwa der Franziskaner sowie für jene, die es ihnen äußerlich gleichtaten, also frömmelnd bettelten:\\ //»Ecce sacerdotes vagant, populus claudicat, Ecclesia decrescit.«// ((''Agnellus'' sive Andreas Ravennatensis  (um 805–846), //Liber Pontificalis//, 106, 0605C, 265, 40, 71; 17 s. [[http://www.mlat.uzh.ch|MLS Corpus corporum]]))\\ sowie für Söldner: //»Milites. Libere vagant, thesauros Constantiae erogant.«// ((//Hrotsvita Gandeshemensis// (935-974), Dramatica series, 109; 297 )).
  
-Im frühen Christentum gab es noch eine Fürsorgepflicht für Fremde. So trug 398 das Konzil von Karthago den Bischöfen auf, außer den Klöstern auch ein Fremdenhaus (gr. //[[wiki:xenodochium|Xenodochium]]//) zu errrichten. Im oströmischen Raum wurden zahlreiche solcher Xenodochien gebaut, im weströmischen Reich gab es sie kaum, doch im [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 8. Jahrhundert|8. Jahrhundert]] war ihre Zeit überall abgelaufen, jedoch wurden sie im fränkischen Raum durch Hospitäler abgelöst.+Im frühen Christentum gab es noch eine Fürsorgepflicht für Fremde. So trug 398 das Konzil von Karthago den Bischöfen auf, außer den Klöstern auch ein Fremdenhaus (gr. //[[wiki:xenodochium|Xenodochium]]//) zu errrichten. Im oströmischen Raum wurden zahlreiche solcher Xenodochien gebaut, im weströmischen Reich gab es sie kaum, doch im [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Ab dem 8. Jahrhundert|8. Jahrhundert]] war ihre Zeit überall abgelaufen, jedoch wurden sie im fränkischen Raum durch Hospitäler abgelöst.
  
 ===== Spätes Mittelalter: Die Scholaren ===== ===== Spätes Mittelalter: Die Scholaren =====
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   »Ego sum abbas Cucaniensis« (Ich bin der Abt von Cockaygne) ist ein Sauflied der    »Ego sum abbas Cucaniensis« (Ich bin der Abt von Cockaygne) ist ein Sauflied der 
   Vaganten in der Carmina Burana betitelt.   Vaganten in der Carmina Burana betitelt.
-In dieser Schicht entstand noch im [[wiki:reisegenerationen#Der Blick zurück: Das Mittelalter als Epoche| Mittelalter]] die //Vagantendichtung// im Unterschied zur höfischen Dichtung und zur geistlichen Literatur und Musik; als Ideal dachte man sich den //Archipoëta// des [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 12. Jahrhundert|12. Jahrhunderts]]. Diese zweite Wurzel der Vaganten führt daher zum fahrenden Spielmann, der gleichwohl mit lateinischen Liedtexten vertraut war. Die weltlichen Themen der Vagantendichtung kreisen um den Alltag und die Sinnlichkeit; als älteste Quelle gilt die //Carmina Burana// aus dem Anfang des [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 12. Jahrhundert|13. Jahrhunderts]].\\ +In dieser Schicht entstand noch im [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Der Blick zurück: Das Mittelalter als Epoche| Mittelalter]] die //Vagantendichtung// im Unterschied zur höfischen Dichtung und zur geistlichen Literatur und Musik; als Ideal dachte man sich den //Archipoëta// des [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Ab dem 12. Jahrhundert|12. Jahrhunderts]]. Diese zweite Wurzel der Vaganten führt daher zum fahrenden Spielmann, der gleichwohl mit lateinischen Liedtexten vertraut war. Die weltlichen Themen der Vagantendichtung kreisen um den Alltag und die Sinnlichkeit; als älteste Quelle gilt die //Carmina Burana// aus dem Anfang des [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Ab dem 12. Jahrhundert|13. Jahrhunderts]].\\ 
 Nicht zu arbeiten, jedoch zu genießen und sich über die »anständigen« Leute zu belustigen, galt im Kreise der Vaganten und ihrer Nachfolger als ehrenvoll. In Frankreich waren die Künstler-Vaganten besser unter dem Namen **Goliarden** bekannt. Der französische Vagantendichter ''Francois Villon'' (1431 bis etwa 1464) blieb wegen seiner dichterischen Leistungen berühmt und machte sich als erster Poet überhaupt selbst zum Gegenstand seiner Dichtung: »Villon – das bin ich«: der [[wiki:einzelne|Einzelne]] als [[wiki:held|Held]].\\ Seine eigensinnige und selbstbewusste Lebensart machte ihn bis in die Gegenwart zum Vorbild vieler Künstler wie etwa für ''Paul Verlaine'', ''Arthur Rimbaud'' (//Un cœur sous une soutane//), ''Bertold Brecht'' (1928: //Dreigroschenoper//), ''Wolf Biermann'' (1968: //Ballade auf den Dichter François Villon//), ''Reinhard Mey'' (//Mädchen in den Schänken//), aber auch ''Klabund'' //Der himmlische Vagant// Ein lyrisches Porträt von //François Villon// [in 34 Versen] München 1919: Roland-Verlag (später: Köln 1968) und ''Klaus Kinski'' (1960: //Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund//).  Nicht zu arbeiten, jedoch zu genießen und sich über die »anständigen« Leute zu belustigen, galt im Kreise der Vaganten und ihrer Nachfolger als ehrenvoll. In Frankreich waren die Künstler-Vaganten besser unter dem Namen **Goliarden** bekannt. Der französische Vagantendichter ''Francois Villon'' (1431 bis etwa 1464) blieb wegen seiner dichterischen Leistungen berühmt und machte sich als erster Poet überhaupt selbst zum Gegenstand seiner Dichtung: »Villon – das bin ich«: der [[wiki:einzelne|Einzelne]] als [[wiki:held|Held]].\\ Seine eigensinnige und selbstbewusste Lebensart machte ihn bis in die Gegenwart zum Vorbild vieler Künstler wie etwa für ''Paul Verlaine'', ''Arthur Rimbaud'' (//Un cœur sous une soutane//), ''Bertold Brecht'' (1928: //Dreigroschenoper//), ''Wolf Biermann'' (1968: //Ballade auf den Dichter François Villon//), ''Reinhard Mey'' (//Mädchen in den Schänken//), aber auch ''Klabund'' //Der himmlische Vagant// Ein lyrisches Porträt von //François Villon// [in 34 Versen] München 1919: Roland-Verlag (später: Köln 1968) und ''Klaus Kinski'' (1960: //Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund//). 
  
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   * ''Julius Wilhelm Zincgref, Alexandrinus Hierocles ''\\ //Newlich vermehrte Pennal- vnd Schul-Possen oder Geschichte//:\\ das ist, Allerley kurtzweilige vnd lustige Facetiæ pennalivm, ex Hieroclis facetiis philosophorum zum Theil verteutschet, vnd zum Theil ausz dem täglichen Prothocollo der heutigen Pennäl vnd Bachanten : sampt etlichen mit angehengten vnterschiedlichen Characterismis oder Beschreibungen deß Pennalismi, Pedantismi vnd Stupiditatis oder Stockheiligkeit.\\ [3] Blätter, 53 Seiten 1618 [1652, 1669 u.a. mit variierenden Titeln]   * ''Julius Wilhelm Zincgref, Alexandrinus Hierocles ''\\ //Newlich vermehrte Pennal- vnd Schul-Possen oder Geschichte//:\\ das ist, Allerley kurtzweilige vnd lustige Facetiæ pennalivm, ex Hieroclis facetiis philosophorum zum Theil verteutschet, vnd zum Theil ausz dem täglichen Prothocollo der heutigen Pennäl vnd Bachanten : sampt etlichen mit angehengten vnterschiedlichen Characterismis oder Beschreibungen deß Pennalismi, Pedantismi vnd Stupiditatis oder Stockheiligkeit.\\ [3] Blätter, 53 Seiten 1618 [1652, 1669 u.a. mit variierenden Titeln]
-Solch ein verruchtes Leben fanden anscheinend viele attraktiv. »Fahrende Schüler« und Studenten und solche, die sich dazugesellten erlebten ihre Hochzeit im [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 17. Jahrhundert|17. Jahrhundert]] und gaben sich über die [[wiki:reisegenerationen|Jahrhunderte]] alle Mühe, an ihrem schlechten Ruf zu arbeiten ((''Glanz, Rudolf''\\ //Geschichte des niederen jüdischen Volkes in Deutschland//. Eine Studie über historisches Gaunertum, Bettelwesen und Vagantentum. New York 1968, S. 2)) als //ummeloper, Herumläufer, Hausierer', Rumlääfer, umherziehende Sänger, Spielmann, erraticus homo//.\\ +Solch ein verruchtes Leben fanden anscheinend viele attraktiv. »Fahrende Schüler« und Studenten und solche, die sich dazugesellten erlebten ihre Hochzeit im [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Ab dem 17. Jahrhundert|17. Jahrhundert]] und gaben sich über die [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen|Jahrhunderte]] alle Mühe, an ihrem schlechten Ruf zu arbeiten ((''Glanz, Rudolf''\\ //Geschichte des niederen jüdischen Volkes in Deutschland//. Eine Studie über historisches Gaunertum, Bettelwesen und Vagantentum. New York 1968, S. 2)) als //ummeloper, Herumläufer, Hausierer', Rumlääfer, umherziehende Sänger, Spielmann, erraticus homo//.\\ 
 ''Melanchthon'' kennzeichnete 1557 den Theologen ''Theobald Thamer'' als »Thammero vagante« in der Diözese Minden und schmäht ihn im ersten Satz als //»homo [[http://www.zeno.org/Georges-1913/A/rabiosus|rabiosus]] et fanaticus«// ((De Thammero vagante in diocesi Mindensi commonefactio, vuitebergae edita 1557)).\\  ''Melanchthon'' kennzeichnete 1557 den Theologen ''Theobald Thamer'' als »Thammero vagante« in der Diözese Minden und schmäht ihn im ersten Satz als //»homo [[http://www.zeno.org/Georges-1913/A/rabiosus|rabiosus]] et fanaticus«// ((De Thammero vagante in diocesi Mindensi commonefactio, vuitebergae edita 1557)).\\ 
 1668 wehrt sich ein anonymer studentischer Autor und beschreibt ausführlich die Unterschiede zwischen ehrlichen Studenten und Vaganten ((//Vaganten-Hospital//, Das ist: Außführliche Beschreibung des Höchst­ärgerlichen Vaganten- oder Stapel-Lebens, worin diejenigen Bettler, die unter dem Studenten Nahmen zu itzigen Zeiten so häuffig betteln, recht Augenscheinlich abgemahlet und fürgebildet werden. Entworffen aus Lieb der Warheit von H. G. L. L.  Stud. Gedruckt im 1668sten Jahre.\\  1668 wehrt sich ein anonymer studentischer Autor und beschreibt ausführlich die Unterschiede zwischen ehrlichen Studenten und Vaganten ((//Vaganten-Hospital//, Das ist: Außführliche Beschreibung des Höchst­ärgerlichen Vaganten- oder Stapel-Lebens, worin diejenigen Bettler, die unter dem Studenten Nahmen zu itzigen Zeiten so häuffig betteln, recht Augenscheinlich abgemahlet und fürgebildet werden. Entworffen aus Lieb der Warheit von H. G. L. L.  Stud. Gedruckt im 1668sten Jahre.\\ 
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 Hin und wieder werden Vaganten auch **Ribaldus** genannt, also //liederlicher  Kriegsknecht, Lüderjahn, Wüstling//, etymologisch abgeleitet vom französischen //ribaud// und althochdeutschem //hriba// `Suff´ ((''Karl Kehrbach '' (Hg.)\\ //Monumenta Germaniae Paedagogica//. Schulordnungen, Schulbücher und pädagogische Miscellaneen aus den Landen deutscher Zunge\\ Bd. 1 Braunschweigische Schulordnungen 1 Berlin Hofmann 1886, S. XXXIII, Fußnote )), also geriebene und durchtriebene Gesellen und [[wiki:gauner|Gauner]]. Hin und wieder werden Vaganten auch **Ribaldus** genannt, also //liederlicher  Kriegsknecht, Lüderjahn, Wüstling//, etymologisch abgeleitet vom französischen //ribaud// und althochdeutschem //hriba// `Suff´ ((''Karl Kehrbach '' (Hg.)\\ //Monumenta Germaniae Paedagogica//. Schulordnungen, Schulbücher und pädagogische Miscellaneen aus den Landen deutscher Zunge\\ Bd. 1 Braunschweigische Schulordnungen 1 Berlin Hofmann 1886, S. XXXIII, Fußnote )), also geriebene und durchtriebene Gesellen und [[wiki:gauner|Gauner]].
  
-Ab dem [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 17. Jahrhundert|17. Jahrhundert]] verdrängt der rundum abwertende Begriff [[wiki:vagabund|Vagabund]] den Vaganten zunehmend, sowohl begrifflich als auch figürlich, denn die Scholaren verschwanden, weil sich die Gesellschaft wandelte; die wachsenden Städte erzeugten neue mobile Gruppen. Während die Lieder der Carmina Burana bis heute gespielt werden und Francois Villon weiterhin Aufmerksamkeit erfährt, fand die Figur des Vaganten keine Apologeten und wurde kaum romantisch verklärt - ganz im Unterschied zum Vagabunden.+Ab dem [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Ab dem 17. Jahrhundert|17. Jahrhundert]] verdrängt der rundum abwertende Begriff [[wiki:vagabund|Vagabund]] den Vaganten zunehmend, sowohl begrifflich als auch figürlich, denn die Scholaren verschwanden, weil sich die Gesellschaft wandelte; die wachsenden Städte erzeugten neue mobile Gruppen. Während die Lieder der Carmina Burana bis heute gespielt werden und Francois Villon weiterhin Aufmerksamkeit erfährt, fand die Figur des Vaganten keine Apologeten und wurde kaum romantisch verklärt - ganz im Unterschied zum Vagabunden.
  
 ===== Literatur ===== ===== Literatur =====
wiki/vaganten.1774117901.txt.gz · Zuletzt geändert: von Norbert Lüdtke

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