Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


wiki:walz

Unterschiede

Hier werden die Unterschiede zwischen zwei Versionen angezeigt.

Link zu dieser Vergleichsansicht

Beide Seiten der vorigen RevisionVorhergehende Überarbeitung
Nächste Überarbeitung
Vorhergehende Überarbeitung
wiki:walz [2026/03/17 05:59] – ↷ Links angepasst, weil Seiten im Wiki verschoben wurden 52.167.144.186wiki:walz [2026/04/15 16:15] (aktuell) – ↷ Links angepasst, weil Seiten im Wiki verschoben wurden 217.113.194.241
Zeile 2: Zeile 2:
  
 von [[wiki:luedtke_norbert|Norbert Lüdtke]]\\  von [[wiki:luedtke_norbert|Norbert Lüdtke]]\\ 
-erschienen erstmals 1995 als Teil 3 in der Artikelreihe //[[wiki:geschichten_des_individuellen_reisens|Geschichten des Individuellen Reisens]]// im TROTTER 77 (Deutsche Zentrale für Globetrotter e.V. DZG) sowie 1999 im //Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens// AGIR\\  +Erstmals 1995 erschienen als Teil 3 in der Artikelreihe //[[wiki:geschichten_des_individuellen_reisens|Geschichten des Individuellen Reisens]]// im TROTTER 77 (Deutsche Zentrale für Globetrotter e.V. DZG) sowie 1999 im //Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens// AGIR\\  
--> [[wiki:Literaturliste Fahrendes Volk|Literaturliste Fahrendes Volk]] mit den Quellen zu diesem Beitrag\\ +Literatur und den Quellen zu diesem Beitrag in: [[wiki:Literaturliste Fahrendes Volk|Literaturliste Fahrendes Volk]], [[Gesellenwanderung|Gesellenwanderung]]. 
  
-Die reisenden Helden aller Zeiten sind meist tragische Gestalten: der Ritter Don Quijote, der Tramp Charlie Chaplin oder Dennis Hopper in Easy Rider.  +Der Mensch sehnt sich nach Reisen – und nach Sicherheit. Reisende aus Berufung verzichten jedoch auf das soziale Netz. Warum vergeuden sie scheinbar unnütz ihre Zeit und verehren die Helden von Karl May, Jack London oder B. Traven? Die reisenden Helden aller Zeiten sind meist tragische Gestalten, doch auch [[zeitleiste_beispielhafter_figuren|beispielhafte Figuren]]: der Ritter Don Quijote, der Tramp ''Charlie Chaplin'' oder ''Peter Fonda'' in Easy Rider.
-Der Mensch sehnt sich nach Reisen – und nach Sicherheit. Reisende aus Berufung verzichten jedoch auf das soziale Netz. Warum vergeuden sie scheinbar unnütz ihre Zeit und verehren die Helden von Karl May, Jack London oder B. Traven?+
  
-Kein Museum setzt diesen Rittern der Landstraße ein Denkmal, seit das *[[wiki:abenteuermuseum|Abenteuermuseum]] in Saarbrücken 2004 geschlossen wurde. Das *[[wiki:archiv_zur_geschichte_des_individuellen_reisens|Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens]] AGIR, sammelt und ordnet die unbeachteten und oft einmaligen Zeugnisse meist unbekannter Reisender.+Kein Museum setzt diesen Rittern der Landstraße ein Denkmal, seit das [[wiki:abenteuermuseum|Abenteuermuseum]] in Saarbrücken 2004 geschlossen wurde. Das [[wiki:archiv_zur_geschichte_des_individuellen_reisens|Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens]] AGIR, sammelt und ordnet die unbeachteten und oft einmaligen Zeugnisse meist unbekannter Reisender.
  
 ===== Fahrendes Volk ===== ===== Fahrendes Volk =====
Zeile 26: Zeile 25:
   * [[wiki:vagabund|Vagabunden]]\\    * [[wiki:vagabund|Vagabunden]]\\ 
 Wie reiste das fahrende Volk? Was waren ihre Techniken des [[wiki:unterwegs-sein|Unterwegs-seins]]? Um das herauszufinden, wird nachfolgend immer wieder aus den veröffentlichten Berichten einzelner Reisender zitiert - einige davon tauchen besonders häufig auf (In Klammern der jeweilige Reisezeitraum): Wie reiste das fahrende Volk? Was waren ihre Techniken des [[wiki:unterwegs-sein|Unterwegs-seins]]? Um das herauszufinden, wird nachfolgend immer wieder aus den veröffentlichten Berichten einzelner Reisender zitiert - einige davon tauchen besonders häufig auf (In Klammern der jeweilige Reisezeitraum):
-  * ''Johann Eberhard Dewald'' (1836-1838) ist ein viel verwendetes Beispiel für den typischen reisenden Gesellen im [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 19. Jahrhundert|19. Jahrhundert]].+  * ''Johann Eberhard Dewald'' (1836-1838) ist ein viel verwendetes Beispiel für den typischen reisenden Gesellen im [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Ab dem 19. Jahrhundert|19. Jahrhundert]].
   * ''Alois Zettler'' (1872-1876) steht für den Gesellen aus dem großbürgerlichen Milieu und wird später Unternehmer.   * ''Alois Zettler'' (1872-1876) steht für den Gesellen aus dem großbürgerlichen Milieu und wird später Unternehmer.
   * ''Winnig'' (Mai 1896-1898) und Schroeder (Mitte 1922-Dezember 1923) kommen aus Arbeiterfamilien   * ''Winnig'' (Mai 1896-1898) und Schroeder (Mitte 1922-Dezember 1923) kommen aus Arbeiterfamilien
Zeile 70: Zeile 69:
 ==== Felleisen und Berliner  ==== ==== Felleisen und Berliner  ====
  
-Unsere Handwerksburschen sind alle Neulinge auf dem Reisesektor, bis auf Pfarre. Über die [[wiki:ausruestung|Ausrüstung]] wird nicht viel geredet, man beschränkt sich und nimmt, was man hat. Als Schroeder fluchtartig Trier verläßt, packt er Zahnbürste, Anzug, Selbstbinder ((Der Selbstbinder ist eine stets neu zu bindende Schleife, die nicht fest vernäht ist.)) und Kragen in seinen Koffer ((Schroeder, S. 6)) und vermißt schon bald Handtuch und Seife. ((Schroeder, S. 41)) Über den Koffer schimpft er oft, irgendwann zerfällt er ihm buchstäblich in der Hand und er improvisiert - bindet die Hosenbeine seiner zweiten Hose unten ab und stopft alles hinein, was er hat. Das ganze bezeichnet er als [[wiki:berliner|Berliner]] ((Der Berliner war leichter als das ältere [[wiki:felleisen|Felleisen]]. Die ersten, die ihn trugen, waren die Klempner - sie hatten grüne Berliner. Maurer und Zimmerleute banden den Berliner in ein großes, buntbedrucktes Taschentuch, Schmiede hüllten das Bündel in ihr Schurzfell, sonstige Kunden in ein Wachstuch. (s. Wolf) Der [[wiki:berliner|Berliner]] wurde als Rolle gebunden und sah aus wie ein übergroßes Knallbonbon mit etwa dreißig Zentimter im Durchmesser, ungefähr siebzig Zentimeter lang. Das Wort ist seit etwa 1880 bekannt und dürfte aus dem jiddischen „be alil“ (mit der Werkstätte) entstanden sein: eine ironische Bezeichnung für die Gesellen, die in ihrem Bündel das Werkzeug mit sich trugen.)) und ist äußerst zufrieden damit, spürt gar nicht, daß er etwas auf dem Rücken trägt; andere tragen ein Felleisen ((Das Felleisen, ein Behältnis, in dem Fußreisende ihre Siebensachen transportierten, war bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts gebräuchlich. Es bestand meist aus Leder, war innen mit grober Leinwand gefüttert und bis-weilen mit einem Schloß gesichert. Manche Felleisen der Handwerksburschen um 1840 hatten Räder, so daß sie mit einem [[wiki:stock_stab|Stock]] geschoben oder gezogen werden konnten. [Meyers Conversations-Lexikon 1840-1855] Bei der Fahrpost dienten zylindrische Felleisen als Behälter für Briefe und Pakete. Der [[wiki:begriff|Begriff]] [[wiki:felleisen|Felleisen]] hat nichts mit Fell oder Eisen zu tun, sondern entstammt dem französischen //valise// (Handkoffer, Reisetasche) und dem älteren valisa (lat., ital.). Er wird synonym für [[wiki:ranzen|Ranzen]], [[wiki:rucksack|Rucksack]], [[wiki:mantelsack|Mantelsack]], Reisetasche, Reisesack, Packsattel benutzt. Manchmal wird er über die Achseln geworfen (Simplicissimus), mal auf den Rücken geschnallt und als [[wiki:tornister|Tornister]] getragen (Dewald). Das Wort ist seit dem Beginn des [[wiki:reisegenerationen#14. Jahrhundert|14. Jahrhunderts]] schriftlich bekannt als fellis)). 15 Monate, nachdem er Trier verlassen hat, filzt ihn die Polizei und wir erfahren, was er in seinen Taschen trägt: Gesellenbrief, Zeugnis, zwei Briefe, Paß, Geleitschein, Rasiermesser, Zahnbürste, Seife ... Viel ist es nicht. Vor Lindau trifft er einen sächsischen Kunden, der Vorräte für den Winter unter seiner Jacke trägt:// „An seinem Bauchriemen hängen aus kleinen Konservendosen zurecht geschusterte Blecheimerchen. In einem ist Fett, im anderen Butter, im dritten Schmalz; Öl verwahrt er in Flaschen. An einem Fleischerhaken, den er in der obersten Westentasche eingehakt, pendeln zwei Würste.“// ((Schroeder, S. 132)) \\ +Unsere Handwerksburschen sind alle Neulinge auf dem Reisesektor, bis auf Pfarre. Über die [[wiki:ausruestung|Ausrüstung]] wird nicht viel geredet, man beschränkt sich und nimmt, was man hat. Als Schroeder fluchtartig Trier verläßt, packt er Zahnbürste, Anzug, Selbstbinder ((Der Selbstbinder ist eine stets neu zu bindende Schleife, die nicht fest vernäht ist.)) und Kragen in seinen Koffer ((Schroeder, S. 6)) und vermißt schon bald Handtuch und Seife. ((Schroeder, S. 41)) Über den Koffer schimpft er oft, irgendwann zerfällt er ihm buchstäblich in der Hand und er improvisiert - bindet die Hosenbeine seiner zweiten Hose unten ab und stopft alles hinein, was er hat. Das ganze bezeichnet er als [[wiki:berliner|Berliner]] ((Der Berliner war leichter als das ältere [[wiki:felleisen|Felleisen]]. Die ersten, die ihn trugen, waren die Klempner - sie hatten grüne Berliner. Maurer und Zimmerleute banden den Berliner in ein großes, buntbedrucktes Taschentuch, Schmiede hüllten das Bündel in ihr Schurzfell, sonstige Kunden in ein Wachstuch. (s. Wolf) Der [[wiki:berliner|Berliner]] wurde als Rolle gebunden und sah aus wie ein übergroßes Knallbonbon mit etwa dreißig Zentimter im Durchmesser, ungefähr siebzig Zentimeter lang. Das Wort ist seit etwa 1880 bekannt und dürfte aus dem jiddischen „be alil“ (mit der Werkstätte) entstanden sein: eine ironische Bezeichnung für die Gesellen, die in ihrem Bündel das Werkzeug mit sich trugen.)) und ist äußerst zufrieden damit, spürt gar nicht, daß er etwas auf dem Rücken trägt; andere tragen ein Felleisen ((Das Felleisen, ein Behältnis, in dem Fußreisende ihre Siebensachen transportierten, war bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts gebräuchlich. Es bestand meist aus Leder, war innen mit grober Leinwand gefüttert und bis-weilen mit einem Schloß gesichert. Manche Felleisen der Handwerksburschen um 1840 hatten Räder, so daß sie mit einem [[wiki:stock_stab|Stock]] geschoben oder gezogen werden konnten. [Meyers Conversations-Lexikon 1840-1855] Bei der Fahrpost dienten zylindrische Felleisen als Behälter für Briefe und Pakete. Der [[wiki:begriff|Begriff]] [[wiki:felleisen|Felleisen]] hat nichts mit Fell oder Eisen zu tun, sondern entstammt dem französischen //valise// (Handkoffer, Reisetasche) und dem älteren valisa (lat., ital.). Er wird synonym für [[wiki:ranzen|Ranzen]], [[wiki:rucksack|Rucksack]], [[wiki:mantelsack|Mantelsack]], Reisetasche, Reisesack, Packsattel benutzt. Manchmal wird er über die Achseln geworfen (Simplicissimus), mal auf den Rücken geschnallt und als [[wiki:tornister|Tornister]] getragen (Dewald). Das Wort ist seit dem Beginn des [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#14. Jahrhundert|14. Jahrhunderts]] schriftlich bekannt als fellis)). 15 Monate, nachdem er Trier verlassen hat, filzt ihn die Polizei und wir erfahren, was er in seinen Taschen trägt: Gesellenbrief, Zeugnis, zwei Briefe, Paß, Geleitschein, Rasiermesser, Zahnbürste, Seife ... Viel ist es nicht. Vor Lindau trifft er einen sächsischen Kunden, der Vorräte für den Winter unter seiner Jacke trägt:// „An seinem Bauchriemen hängen aus kleinen Konservendosen zurecht geschusterte Blecheimerchen. In einem ist Fett, im anderen Butter, im dritten Schmalz; Öl verwahrt er in Flaschen. An einem Fleischerhaken, den er in der obersten Westentasche eingehakt, pendeln zwei Würste.“// ((Schroeder, S. 132)) \\ 
 Winnig gräbt auf dem Speicher den Ranzen seines Großvaters und dessen [[wiki:stock_stab|Eichenstock]] aus: //„Die Zeit schrieb damals einen Schnürbeutel aus schwarzem Wachstuch mit schwarzgrünen Traggurten vor, welches Behältnis in der Sprache der reisenden Burschen Berliner hieß, und auf solchen Berliner war mein Sinn gerichtet, nur war dergleichen in unserer kleinen Stadt nicht zu beschaffen.“// ((Winnig, S. 5)) Bei seiner ersten Arbeitsstelle fällt er auf wegen seiner derben Wanderschuhe mit den breiten Nägeln und seiner Arbeitsjacke aus krausem Wollstoff, die den Regen abwies. ((Heinrichs, S. 24)) \\  Winnig gräbt auf dem Speicher den Ranzen seines Großvaters und dessen [[wiki:stock_stab|Eichenstock]] aus: //„Die Zeit schrieb damals einen Schnürbeutel aus schwarzem Wachstuch mit schwarzgrünen Traggurten vor, welches Behältnis in der Sprache der reisenden Burschen Berliner hieß, und auf solchen Berliner war mein Sinn gerichtet, nur war dergleichen in unserer kleinen Stadt nicht zu beschaffen.“// ((Winnig, S. 5)) Bei seiner ersten Arbeitsstelle fällt er auf wegen seiner derben Wanderschuhe mit den breiten Nägeln und seiner Arbeitsjacke aus krausem Wollstoff, die den Regen abwies. ((Heinrichs, S. 24)) \\ 
 Wie auch heute, ist die [[wiki:ausruestung|Ausrüstung]] ein Erkennungszeichen und ein Maßstab für den Grad der [[wiki:vertrauen|Vertrautheit]]:// „Er mochte um einige Jahre älter sein als ich, doch das hielt mich nicht ab, denselben anzureden; trug er ja auch [[wiki:ranzen|Ränzel]] und [[wiki:stock_stab|Knotenstock]]. Nicht lange währte es, und wir hatten Freundschaft geschlossen.“//  Wie auch heute, ist die [[wiki:ausruestung|Ausrüstung]] ein Erkennungszeichen und ein Maßstab für den Grad der [[wiki:vertrauen|Vertrautheit]]:// „Er mochte um einige Jahre älter sein als ich, doch das hielt mich nicht ab, denselben anzureden; trug er ja auch [[wiki:ranzen|Ränzel]] und [[wiki:stock_stab|Knotenstock]]. Nicht lange währte es, und wir hatten Freundschaft geschlossen.“// 
Zeile 114: Zeile 113:
 ==== Reisegebiete und -ziele ==== ==== Reisegebiete und -ziele ====
  
-Gern zogen die Handwerksburschen im [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 19. Jahrhundert|19. Jahrhundert]] nach Frankreich, Italien, Österreich. Es gab dort weniger Grenzen als in den Fürstentümern Deutschlands.// „Diese ewigen Grenzen im Deutschen Reich sind wahrhaft vom Teufel erfunden. Das unaufhörliche Passieren von Schlagbäumen, und das Durchschnüffeln des Wanderbuches von Constablern und Stadtsoldaten aller Art ist mit viel Verdruß verbunden und lästig genug für einen ordentlichen Gesellen, der nichts will, als sich in der Welt umsehen und sein Metier tüchtig erlernen.“// ((Hoffmann, S. 81))\\ +Gern zogen die Handwerksburschen im [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Ab dem 19. Jahrhundert|19. Jahrhundert]] nach Frankreich, Italien, Österreich. Es gab dort weniger Grenzen als in den Fürstentümern Deutschlands.// „Diese ewigen Grenzen im Deutschen Reich sind wahrhaft vom Teufel erfunden. Das unaufhörliche Passieren von Schlagbäumen, und das Durchschnüffeln des Wanderbuches von Constablern und Stadtsoldaten aller Art ist mit viel Verdruß verbunden und lästig genug für einen ordentlichen Gesellen, der nichts will, als sich in der Welt umsehen und sein Metier tüchtig erlernen.“// ((Hoffmann, S. 81))\\ 
 Ab 1839 reisten die Gesellen auch vermehrt in den nahen Osten. ((Der türkische Sultan Mahmud II. und sein Nachfolger öffneten ab 1839 die Grenzen vermehrt dem Westen.)) Dabei stand sicher nicht die handwerkliche Fortbildung in Palästina im Vordergrund, eher Abenteuerlust. Das Motiv der Pilgerschaft und der Glaube, auf der Wanderschaft durch Gott beschützt zu sein, verbanden sich mit der Idee der Walz. Später baute sogar das preußische Konsulat in Jerusalem eine eigene Gesellenherberge. Etwa 25 protestantische Gesellen suchten Jerusalem jährlich auf. \\  Ab 1839 reisten die Gesellen auch vermehrt in den nahen Osten. ((Der türkische Sultan Mahmud II. und sein Nachfolger öffneten ab 1839 die Grenzen vermehrt dem Westen.)) Dabei stand sicher nicht die handwerkliche Fortbildung in Palästina im Vordergrund, eher Abenteuerlust. Das Motiv der Pilgerschaft und der Glaube, auf der Wanderschaft durch Gott beschützt zu sein, verbanden sich mit der Idee der Walz. Später baute sogar das preußische Konsulat in Jerusalem eine eigene Gesellenherberge. Etwa 25 protestantische Gesellen suchten Jerusalem jährlich auf. \\ 
-Die Mehrzahl der Wanderer jedoch blieb in Deutschland, denn man brauchte einen Paß, um die Grenze (offiziell) zu passieren. //„Alte Kunden hielten sich an einen bestimmten Landstrich, in dem sie mit Art und Brauch der Bewohner vertraut waren, die Wege und die Herbergen, die guten und die schlechten Orte, die Gendarmen und die Gefängnisse kannten. Diesen Landstrich, der selten über die Grenzen einer Provinz hinausgriff, verließen sie nicht oder nur notgedrungen, etwa wenn ihnen eine hohe Bettelstrafe drohte. Weder junge [[wiki:Wanderbursche|Wanderburschen]] noch alte Kunden wichen dem Wetter aus, sie kürzten die täglichen Wege, aber sie zogen morgens ab. Der Krankheit gaben wohl junge Burschen nach, aber nicht die alten Reisläufer ((Reisläufer ist hier in übertragenem Sinne zu verstehen. Der [[wiki:begriff|Begriff]] meint ursprünglich junge Burschen (meist Schweizer), die sich ab dem [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 15. Jahrhundert|15. Jahrhundert]] zusammenschlossen, um in anderen Ländern Kriegsdienste zu leisten. Diese umherziehenden Gruppen wurden Reiseläufer oder Reisläufer genannt. [Grimms Wörterbuch])) der Landstraße, ich habe nie gehört, daß einer in der Herberge krank zurückgeblieben oder ins Krankenhaus geschafft worden sei; sie wanderten auch dann, wenn sie den [[wiki:grenze_zwischen_leben_und_tod|Tod]] in den Knochen fühlten, und suchten sich lieber draußen einen geschützten Winkel zum Sterben, als daß sie sich in Menschenhände gegeben hätten.“// ((Winnig, S. 164 f.)) Winnig schreibt diese Gedanken angesichts eines eisigen Winters nieder, in dem er draußen auf der Landstraße selber viel gefroren hat und zudem einen toten Kunden im Schutz einer Feldscheune fand.\\ +Die Mehrzahl der Wanderer jedoch blieb in Deutschland, denn man brauchte einen Paß, um die Grenze (offiziell) zu passieren. //„Alte Kunden hielten sich an einen bestimmten Landstrich, in dem sie mit Art und Brauch der Bewohner vertraut waren, die Wege und die Herbergen, die guten und die schlechten Orte, die Gendarmen und die Gefängnisse kannten. Diesen Landstrich, der selten über die Grenzen einer Provinz hinausgriff, verließen sie nicht oder nur notgedrungen, etwa wenn ihnen eine hohe Bettelstrafe drohte. Weder junge [[wiki:Wanderbursche|Wanderburschen]] noch alte Kunden wichen dem Wetter aus, sie kürzten die täglichen Wege, aber sie zogen morgens ab. Der Krankheit gaben wohl junge Burschen nach, aber nicht die alten Reisläufer ((Reisläufer ist hier in übertragenem Sinne zu verstehen. Der [[wiki:begriff|Begriff]] meint ursprünglich junge Burschen (meist Schweizer), die sich ab dem [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Ab dem 15. Jahrhundert|15. Jahrhundert]] zusammenschlossen, um in anderen Ländern Kriegsdienste zu leisten. Diese umherziehenden Gruppen wurden Reiseläufer oder Reisläufer genannt. [Grimms Wörterbuch])) der Landstraße, ich habe nie gehört, daß einer in der Herberge krank zurückgeblieben oder ins Krankenhaus geschafft worden sei; sie wanderten auch dann, wenn sie den [[wiki:grenze_zwischen_leben_und_tod|Tod]] in den Knochen fühlten, und suchten sich lieber draußen einen geschützten Winkel zum Sterben, als daß sie sich in Menschenhände gegeben hätten.“// ((Winnig, S. 164 f.)) Winnig schreibt diese Gedanken angesichts eines eisigen Winters nieder, in dem er draußen auf der Landstraße selber viel gefroren hat und zudem einen toten Kunden im Schutz einer Feldscheune fand.\\ 
 Da das fahrende Volk auch weit hinter den Grenzen oft kontrolliert wurde, fiel man früher oder später auf, wenn man ohne Paß im Ausland war. Heinrichs schildert einen solchen Fall: //„Kaum eine Stunde waren wir von Deutschlands Grenzen entfernt. ... Plötzlich standen ... zwei dieser gefürchteten Beamten vor uns. Wieder hieß es kurz: `Papier vorzeigen.´ Wiederum konnte ich ungefährdet weiterziehen, aber mein treuer Kamerad? [Ihm] wurde der Schub prophezeit, das heißt, er würde vom nächsten Orte per Bahn zur Grenze befördert werden.“// ((Heinrichs, S. 55 f.))\\  Da das fahrende Volk auch weit hinter den Grenzen oft kontrolliert wurde, fiel man früher oder später auf, wenn man ohne Paß im Ausland war. Heinrichs schildert einen solchen Fall: //„Kaum eine Stunde waren wir von Deutschlands Grenzen entfernt. ... Plötzlich standen ... zwei dieser gefürchteten Beamten vor uns. Wieder hieß es kurz: `Papier vorzeigen.´ Wiederum konnte ich ungefährdet weiterziehen, aber mein treuer Kamerad? [Ihm] wurde der Schub prophezeit, das heißt, er würde vom nächsten Orte per Bahn zur Grenze befördert werden.“// ((Heinrichs, S. 55 f.))\\ 
 Schroeder trifft häufig Kunden, an bestimmten Orten tummeln sie sich, beispielsweise in Lindau. Ihre Reiseziele sind Hamburg, Pommern, Wien. Weit- und Fernreisende waren damals die Ausnahme, doch es gab sie. Er trifft zwei, die durch den [[wiki:fremdem_begegnen#Dort fängt der Balkan an|Balkan]] in die Türkei wollen: //„Diese [[wiki:tour|Tour]] hatten sie mir so verlockend geschildert, und es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre ich mit ihnen getigert. Doch solange ich Deutschland nicht kenne, nicht ganz angesehen habe, weiß ich nicht, was ich in anderen Ländern suchen soll.“// ((Schroeder, S. 152)) Dann trifft er einen alten Speckjäger, der seit 34 Jahren, also seit 1889, auf der Landstraße ist: //„Er kennt Indien, war fünf Jahre in der französischen Fremdenlegion, machte als Tramp siebenmal von Newyork nach San Francisco, einmal die große Büffelstraße, und hat nachher von der Landstraße einfach nicht mehr weggekonnt, sie hat ihn festgehalten.“// ((Schroeder, S. 245))\\  Schroeder trifft häufig Kunden, an bestimmten Orten tummeln sie sich, beispielsweise in Lindau. Ihre Reiseziele sind Hamburg, Pommern, Wien. Weit- und Fernreisende waren damals die Ausnahme, doch es gab sie. Er trifft zwei, die durch den [[wiki:fremdem_begegnen#Dort fängt der Balkan an|Balkan]] in die Türkei wollen: //„Diese [[wiki:tour|Tour]] hatten sie mir so verlockend geschildert, und es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre ich mit ihnen getigert. Doch solange ich Deutschland nicht kenne, nicht ganz angesehen habe, weiß ich nicht, was ich in anderen Ländern suchen soll.“// ((Schroeder, S. 152)) Dann trifft er einen alten Speckjäger, der seit 34 Jahren, also seit 1889, auf der Landstraße ist: //„Er kennt Indien, war fünf Jahre in der französischen Fremdenlegion, machte als Tramp siebenmal von Newyork nach San Francisco, einmal die große Büffelstraße, und hat nachher von der Landstraße einfach nicht mehr weggekonnt, sie hat ihn festgehalten.“// ((Schroeder, S. 245))\\ 
Zeile 143: Zeile 142:
 Winnig ist Handwerker, sucht aber seine Identität stärker im Dichterdasein. Als er einmal einen Aristokraten kennenlernt, idealisiert er ihn, nimmt selber Züge eines abgehobenen Verhaltens an. Die Sprache der Kunden lehnt er ab, preist das ruhige, bürgerliche Benehmen. Und als er Hannover verläßt, stellt er fest: //„Es hat uns nicht gefallen, den langen Weg zur Stadt hinaus zu gehen; der Wanderbursche paßte schon damals nicht mehr in das Straßenbild der großen Städte.“// ((Winnig, S. 100)) Und das, obwohl es in Hannover 500 Baustellen gab? Immer wieder betont er, daß er nur notgedrungen mit Kunden zusammengehe, ihre Gesellschaft schätzt er nicht. Nach über einem Jahr auf der Landstraße zieht er tatsächlich mit drei Kunden los und übt gemeinsam mit ihnen in einem Dorf das Fechten. Dabei bleibt es dann auch. Er studiert und beobachtet das fahrende Volk, aber mit dem Herzen ist er nicht dabei.\\  Winnig ist Handwerker, sucht aber seine Identität stärker im Dichterdasein. Als er einmal einen Aristokraten kennenlernt, idealisiert er ihn, nimmt selber Züge eines abgehobenen Verhaltens an. Die Sprache der Kunden lehnt er ab, preist das ruhige, bürgerliche Benehmen. Und als er Hannover verläßt, stellt er fest: //„Es hat uns nicht gefallen, den langen Weg zur Stadt hinaus zu gehen; der Wanderbursche paßte schon damals nicht mehr in das Straßenbild der großen Städte.“// ((Winnig, S. 100)) Und das, obwohl es in Hannover 500 Baustellen gab? Immer wieder betont er, daß er nur notgedrungen mit Kunden zusammengehe, ihre Gesellschaft schätzt er nicht. Nach über einem Jahr auf der Landstraße zieht er tatsächlich mit drei Kunden los und übt gemeinsam mit ihnen in einem Dorf das Fechten. Dabei bleibt es dann auch. Er studiert und beobachtet das fahrende Volk, aber mit dem Herzen ist er nicht dabei.\\ 
 Pfarre und Schroeder dagegen finden kaum Arbeit und merken schnell, wie leicht man ins Vagabundenmilieu abrutschen kann:// „Und es ist so leicht, auf die Landstraße zu gehen. Man tritt aus seiner Wohnung und wandert. Aber wie kommt man von der Landstraße wieder ab? wenn man keine Arbeit findet, wenn man kein Zuhause mehr hat? Die Eltern haben, sind glücklich; die keine haben, abgebrannt sind und sich in keiner Stadt festsetzen können, - die werden Speckjäger. ... Jeder hier hat etwas Rauhes und Hartes an sich, doch keinem ist der Grimm angeboren; alles ist aufgelegt, aufgesetzt, von der Landstraße, von dem Elend, das sie umgibt.“// ((Schroeder, S. 160)) Pfarre wird in Nürnberg gewarnt: //„Hüte Dich vor der Landstraße, Du gehst sicher kaputt!“ Ich erwiderte, daß mir die Gefährlichkeit der Landstraße übertrieben schien, ich sei doch schon einige Wochen getippelt. „Ja“, sagte der Maler, „bis jetzt mit Geld, und nun ohne.“// ((Pfarre, S. 13))\\  Pfarre und Schroeder dagegen finden kaum Arbeit und merken schnell, wie leicht man ins Vagabundenmilieu abrutschen kann:// „Und es ist so leicht, auf die Landstraße zu gehen. Man tritt aus seiner Wohnung und wandert. Aber wie kommt man von der Landstraße wieder ab? wenn man keine Arbeit findet, wenn man kein Zuhause mehr hat? Die Eltern haben, sind glücklich; die keine haben, abgebrannt sind und sich in keiner Stadt festsetzen können, - die werden Speckjäger. ... Jeder hier hat etwas Rauhes und Hartes an sich, doch keinem ist der Grimm angeboren; alles ist aufgelegt, aufgesetzt, von der Landstraße, von dem Elend, das sie umgibt.“// ((Schroeder, S. 160)) Pfarre wird in Nürnberg gewarnt: //„Hüte Dich vor der Landstraße, Du gehst sicher kaputt!“ Ich erwiderte, daß mir die Gefährlichkeit der Landstraße übertrieben schien, ich sei doch schon einige Wochen getippelt. „Ja“, sagte der Maler, „bis jetzt mit Geld, und nun ohne.“// ((Pfarre, S. 13))\\ 
-Auch für ungelernte Saisonarbeiter ist nur geringer Bedarf und die wenigen guten Stellen sind schnell fort. Obwohl das Arbeitsamt voller Arbeitssuchender ist, meldet sich niemand auf die ausgeschriebenen Stellen als Hopfenzupfer - das ist einfach zu schrecklich! Arbeit und Geld waren knapp und wurden immer knapper. Die Mechanisierung und Industrialisierung im [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 19. Jahrhundert|19. Jahrhundert]] führte zu Arbeitsverlust. Handwerksburschen durchstreifen mit Saisonarbeitern, Stellungslosen und Landstreichern das Land oder gehen ins Ausland. In der Schweiz entstanden Handwerkervereine als Vorform der Arbeitervereine. Revolutionäre Ideen entstanden, die Polizei war mißtrauisch. [[wiki:wandern|Wandern]] wurde zum gesellschaftlich kritischen Faktor.\\ +Auch für ungelernte Saisonarbeiter ist nur geringer Bedarf und die wenigen guten Stellen sind schnell fort. Obwohl das Arbeitsamt voller Arbeitssuchender ist, meldet sich niemand auf die ausgeschriebenen Stellen als Hopfenzupfer - das ist einfach zu schrecklich! Arbeit und Geld waren knapp und wurden immer knapper. Die Mechanisierung und Industrialisierung im [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Ab dem 19. Jahrhundert|19. Jahrhundert]] führte zu Arbeitsverlust. Handwerksburschen durchstreifen mit Saisonarbeitern, Stellungslosen und Landstreichern das Land oder gehen ins Ausland. In der Schweiz entstanden Handwerkervereine als Vorform der Arbeitervereine. Revolutionäre Ideen entstanden, die Polizei war mißtrauisch. [[wiki:wandern|Wandern]] wurde zum gesellschaftlich kritischen Faktor.\\ 
 Daß für die Gesellschaft Wandern nicht gleich Wandern ist, erkennt Hasemann schnell:// „Ist es doch Modesache jetzt, die Wandervögelei. Man hilft ihnen, obgleich sie nur bis Fürstenwalde laufen mit vielerlei Kochtöpfen, man macht große Sachen, bildet Vereine - Geschmackssache - unterstützt wo immer möglich diese gedankenlose Modekrankheit, die ein gesunder Deutscher belächeln muß, aber niemand kümmert sich um die, die über die Grenzen unseres Vaterlandes hinauswallen, einen Rock und einen Gott und keine reichen Eltern haben, und nach alter deutscher Sitte auf die Wanderschaft gehen, sich wirklich die Welt anschauen unter Mühen und Strapazen, denen man kein Obdach bietet.“// ((Hasemann, S. 132 f.)) Die wahren Kunden beschreibt er so:// „Über die ganze Erde ist ein Kundennetz gebreitet, Deutsche sind es, die seit alters her die Landstraße ihr eigen nennen. Als junge Burschen zogen sie aus einmal, und nun sind sie grauköpfige Männer geworden, immer sind sie gegangen, nie haben sie gerastet, und sie sterben einmal in irgendeiner Ecke, an irgendeiner Landstraße der Welt, vielleicht hinter irgendeiner Hecke. Manche haben schon seit Menschengedenken eine [[wiki:tour|Tour]], Hamburg-Jerusalem oder Rom-Wien-Berlin-Paris. Mancher hat ewig die gleiche Tabakspfeife, nur ist sie schon ganz kurz geworden, er geht Amsterdam-Athen.“ ((Hasemann, S. 195))//  Daß für die Gesellschaft Wandern nicht gleich Wandern ist, erkennt Hasemann schnell:// „Ist es doch Modesache jetzt, die Wandervögelei. Man hilft ihnen, obgleich sie nur bis Fürstenwalde laufen mit vielerlei Kochtöpfen, man macht große Sachen, bildet Vereine - Geschmackssache - unterstützt wo immer möglich diese gedankenlose Modekrankheit, die ein gesunder Deutscher belächeln muß, aber niemand kümmert sich um die, die über die Grenzen unseres Vaterlandes hinauswallen, einen Rock und einen Gott und keine reichen Eltern haben, und nach alter deutscher Sitte auf die Wanderschaft gehen, sich wirklich die Welt anschauen unter Mühen und Strapazen, denen man kein Obdach bietet.“// ((Hasemann, S. 132 f.)) Die wahren Kunden beschreibt er so:// „Über die ganze Erde ist ein Kundennetz gebreitet, Deutsche sind es, die seit alters her die Landstraße ihr eigen nennen. Als junge Burschen zogen sie aus einmal, und nun sind sie grauköpfige Männer geworden, immer sind sie gegangen, nie haben sie gerastet, und sie sterben einmal in irgendeiner Ecke, an irgendeiner Landstraße der Welt, vielleicht hinter irgendeiner Hecke. Manche haben schon seit Menschengedenken eine [[wiki:tour|Tour]], Hamburg-Jerusalem oder Rom-Wien-Berlin-Paris. Mancher hat ewig die gleiche Tabakspfeife, nur ist sie schon ganz kurz geworden, er geht Amsterdam-Athen.“ ((Hasemann, S. 195))// 
  
Zeile 207: Zeile 206:
 ===== 8 Und heute? ===== ===== 8 Und heute? =====
  
-Die große Zeit der Handwerksgesellen ist spätestens seit dem 1. Weltkrieg vorbei. Mit der Aufhebung der Zünfte und der Einführung der [[wiki:grundfreiheiten|Gewerbefreiheit]] im [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 19. Jahrhundert|19. Jahrhundert]] hatte diese Bewegung ihren Zenit überschritten. Winnig kam sich 1897 in den großen Städten fehl am Platze vor. Die Industrialisierung Europas und die sich zyklisch wiederholenden Wirtschaftskrisen führten in Schüben immer mal wieder zu einem Anstieg der Massen auf den Straßen. Doch nun nahmen Arbeiter, [[wiki:liste_wanderhandwerker|Wanderarbeiter]] und Lumpenproletariat die Stelle der Gesellen ein. 1927 waren 70.000 Menschen auf den Straßen Deutschlands unterwegs, sechs Jahre später waren es bereits wieder 450.000. ((Trappmann, S. 15)) Immer spiegelte sich in den Wanderungsbewegungen die gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Unsicherheit. Die Nationalsozialisten brachten ab 1933 die [[wiki:vagabund|Vagabunden]] mit allen Mitteln von der Straße: Arbeitslager, Verhaftung, Razzien, [[wiki:muendigkeit|Entmündigung]], Psychiatrisierung und sechs Jahre Krieg beseitigten fast alle Spuren der Heimatlosen. ((Kadereit)) Auch für die „Nicht-Seßhaften“ von heute ist die Landstraße meist ohne Romantik, sondern hat eher mit dem Teufelskreis von Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit und sozialem Abstieg zu tun.\\ +Die große Zeit der Handwerksgesellen ist spätestens seit dem 1. Weltkrieg vorbei. Mit der Aufhebung der Zünfte und der Einführung der [[wiki:grundfreiheiten|Gewerbefreiheit]] im [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Ab dem 19. Jahrhundert|19. Jahrhundert]] hatte diese Bewegung ihren Zenit überschritten. Winnig kam sich 1897 in den großen Städten fehl am Platze vor. Die Industrialisierung Europas und die sich zyklisch wiederholenden Wirtschaftskrisen führten in Schüben immer mal wieder zu einem Anstieg der Massen auf den Straßen. Doch nun nahmen Arbeiter, [[wiki:liste_wanderhandwerker|Wanderarbeiter]] und Lumpenproletariat die Stelle der Gesellen ein. 1927 waren 70.000 Menschen auf den Straßen Deutschlands unterwegs, sechs Jahre später waren es bereits wieder 450.000. ((Trappmann, S. 15)) Immer spiegelte sich in den Wanderungsbewegungen die gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Unsicherheit. Die Nationalsozialisten brachten ab 1933 die [[wiki:vagabund|Vagabunden]] mit allen Mitteln von der Straße: Arbeitslager, Verhaftung, Razzien, [[wiki:muendigkeit|Entmündigung]], Psychiatrisierung und sechs Jahre Krieg beseitigten fast alle Spuren der Heimatlosen. ((Kadereit)) Auch für die „Nicht-Seßhaften“ von heute ist die Landstraße meist ohne Romantik, sondern hat eher mit dem Teufelskreis von Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit und sozialem Abstieg zu tun.\\ 
 Vereinzelt wandern Handwerksgesellen noch heute mit //Ehrbarkeit// ((Früher Rotwelsch: Halsbinde, heute Krawatte)), //Staude// ((Hemd)), //Schlapphut, Stenz// (([[wiki:stock_stab|Stock]])) und schwarzen Cordhosen. Auch wenn sie nicht mehr Teil einer gesellschaftlichen Massenbewegung sind, so erhalten sie doch die Traditionen aufrecht. Sie werden „als Exoten bestaunt in einer durchtechnisierten, profitorientierten Welt“. ((Schiemann)) Sie tragen immer noch den //Berliner// mit Rasierpinsel, Unterwäsche, Schuhputzzeug, Hammer, Lot und Wasserwaage und //scheniegeln// ((Arbeiten, von Schinagole (jidd. = Schubkarre))) bei //Krautern// ((Krauter wird der Handwerksmeister genannt, insbesondere der zunftlose auf dem freien Land)). Etwa 3000 organisierte Gesellen gab es 1985: sie dürfen keine dreißig Jahre alt sein, weder verheiratet noch vorbestraft, dürfen keine Schulden haben, sollen charakterfest im Umgang mit Alkohol sein. Sogar eine „Confédération Compagnonnages“ der europäischen Gesellenzünfte gibt es.\\  Vereinzelt wandern Handwerksgesellen noch heute mit //Ehrbarkeit// ((Früher Rotwelsch: Halsbinde, heute Krawatte)), //Staude// ((Hemd)), //Schlapphut, Stenz// (([[wiki:stock_stab|Stock]])) und schwarzen Cordhosen. Auch wenn sie nicht mehr Teil einer gesellschaftlichen Massenbewegung sind, so erhalten sie doch die Traditionen aufrecht. Sie werden „als Exoten bestaunt in einer durchtechnisierten, profitorientierten Welt“. ((Schiemann)) Sie tragen immer noch den //Berliner// mit Rasierpinsel, Unterwäsche, Schuhputzzeug, Hammer, Lot und Wasserwaage und //scheniegeln// ((Arbeiten, von Schinagole (jidd. = Schubkarre))) bei //Krautern// ((Krauter wird der Handwerksmeister genannt, insbesondere der zunftlose auf dem freien Land)). Etwa 3000 organisierte Gesellen gab es 1985: sie dürfen keine dreißig Jahre alt sein, weder verheiratet noch vorbestraft, dürfen keine Schulden haben, sollen charakterfest im Umgang mit Alkohol sein. Sogar eine „Confédération Compagnonnages“ der europäischen Gesellenzünfte gibt es.\\ 
 Und die andere Seite, die Vagabunden, Berber, Landstreicher? Ihre Zahl nimmt zu, entsprechend der Arbeitslosenquote. 1971 lebte ein Reporter eine Woche lang als Penner, schlief im Düsseldorfer Nachtasyl der Franziskaner und in der Hamburger Mönckebergstraße. Acht Tage Betteln brachten ihm 31,88 Mark ein. Und die Gespräche im Asyl hätten auch 50 Jahre früher stattfinden können. Der eine will in den Süden, nach Spanien, //wo´s warm is´.// Eine Nutte schüttet sich die Bierreste aus den Gläsern zusammen, den //Klapperschluck//. ((Klappern bedeutet im rotwelschen betteln.)) 1975 ziehen wieder zwei Reporter mit den Pennern los. Da treffen sie dann beispielsweise den Ex-Söldner, der jedes Jahr sechs- bis achtmal kreuz und quer durch Deutschland zieht, zu Fuß, per Anhalter oder mit Zug und „Bahnbenutzungsgenehmigung“ des Sozialamtes, von einer der 700 Herbergen zur nächsten. Und sie werden immer noch „abgebient“, nach Läusen untersucht. In der Celler Herberge zur Heimat will der Diakon 1,30 Mark pro Nacht und für die Flasche Bier 1,10. Gegessen wird auf Kommando: nach sieben Minuten sind Graupensuppe und Brot verschlungen. Am nächsten Tag geht es weiter, denn in den meisten Herbergen darf man nur alle sechs bis zwölf Monate übernachten. //„Die meisten von uns wollen nicht auf die Straße, sie müssen - weil sie vor sich selbst und den anderen auf der Flucht sind. Deshalb sind die meisten Berber ((Mit Berber werden seit ein, zwei Jahrzehnten die modernen Landstreicher und [[wiki:vagabund|Vagabunden]] bezeichnet. Es scheint eine Neuschöpfung des Rotwelschen zu sein.)) Einzelgänger, die keinem trauen.“// ((Holzach)) \\  Und die andere Seite, die Vagabunden, Berber, Landstreicher? Ihre Zahl nimmt zu, entsprechend der Arbeitslosenquote. 1971 lebte ein Reporter eine Woche lang als Penner, schlief im Düsseldorfer Nachtasyl der Franziskaner und in der Hamburger Mönckebergstraße. Acht Tage Betteln brachten ihm 31,88 Mark ein. Und die Gespräche im Asyl hätten auch 50 Jahre früher stattfinden können. Der eine will in den Süden, nach Spanien, //wo´s warm is´.// Eine Nutte schüttet sich die Bierreste aus den Gläsern zusammen, den //Klapperschluck//. ((Klappern bedeutet im rotwelschen betteln.)) 1975 ziehen wieder zwei Reporter mit den Pennern los. Da treffen sie dann beispielsweise den Ex-Söldner, der jedes Jahr sechs- bis achtmal kreuz und quer durch Deutschland zieht, zu Fuß, per Anhalter oder mit Zug und „Bahnbenutzungsgenehmigung“ des Sozialamtes, von einer der 700 Herbergen zur nächsten. Und sie werden immer noch „abgebient“, nach Läusen untersucht. In der Celler Herberge zur Heimat will der Diakon 1,30 Mark pro Nacht und für die Flasche Bier 1,10. Gegessen wird auf Kommando: nach sieben Minuten sind Graupensuppe und Brot verschlungen. Am nächsten Tag geht es weiter, denn in den meisten Herbergen darf man nur alle sechs bis zwölf Monate übernachten. //„Die meisten von uns wollen nicht auf die Straße, sie müssen - weil sie vor sich selbst und den anderen auf der Flucht sind. Deshalb sind die meisten Berber ((Mit Berber werden seit ein, zwei Jahrzehnten die modernen Landstreicher und [[wiki:vagabund|Vagabunden]] bezeichnet. Es scheint eine Neuschöpfung des Rotwelschen zu sein.)) Einzelgänger, die keinem trauen.“// ((Holzach)) \\ 
Zeile 223: Zeile 222:
  
 ===== 10 Biographien ===== ===== 10 Biographien =====
-Die biographische Angaben sind überwiegend den Reiseberichten selbst entnommensind also subjektiv gefärbt. Diese herauszufinden oder aus anderen Aussagen abzuleiten bedurfte teilweise detektivischer Kleinarbeit. In einigen Fällen (Winnig, Schroeder, Hasemann) lieferte das „Deutsche Biographische Archiv“ wertvolle Hinweise, jedoch in unterschiedlichem Umfang. In anderen Fällen (Appelius, Heye, Heinrichs) haben die Betreffenden zu wenig öffentliches Interesse erregt und werden von der einschlägigen biographischen Literatur nicht erwähnt.+ 
 +Die biographischen Angaben sind überwiegend den Reiseberichten selbst entnommensind also subjektiv gefärbt. Diese herauszufinden oder aus anderen Aussagen abzuleiten bedurfte teilweise detektivischer Kleinarbeit. In einigen Fällen (Winnig, Schroeder, Hasemann) lieferte das „Deutsche Biographische Archiv“ wertvolle Hinweise, jedoch in unterschiedlichem Umfang. In anderen Fällen (Appelius, Heye, Heinrichs) haben die Betreffenden zu wenig öffentliches Interesse erregt und werden von der einschlägigen biographischen Literatur nicht erwähnt.
 ==== Arminius Hasemann ==== ==== Arminius Hasemann ====
  
Zeile 233: Zeile 233:
   - //Der Zirkus. 20 Holzschnitte//. Berlin. Behr 1920.\\    - //Der Zirkus. 20 Holzschnitte//. Berlin. Behr 1920.\\ 
 ==== Franz Heinrichs ==== ==== Franz Heinrichs ====
-(* ca. 1879) reist von Juni 1896 bis Oktober 1898 von Münster durch Österreich, Ungarn, Serbien, Bulgarien, Rumelien, Türkei, Syrien, Palästina, Ägypten, Italien, die Schweiz und zurück nach Münster. Er ist gelernter Friseur, lebt unterwegs von Erspartem, von Geldsendungen der Eltern und von vereinzelten Arbeitsstellen. Neben seinem Reisebericht, der mehrere Auflagen erlebt, schreibt er einige später noch ein Buch mit dem Titel „Sollen wir [[wiki:liste_ausstellungen#auswanderer|auswandern]]?“ Ihm ist ein eigener ausführlicher Bericht in dieser Reihe gewidmet worden.+(* ca. 1879) reist von Juni 1896 bis Oktober 1898 von Münster durch Österreich, Ungarn, Serbien, Bulgarien, Rumelien, Türkei, Syrien, Palästina, Ägypten, Italien, die Schweiz und zurück nach Münster. Er ist gelernter Friseur, lebt unterwegs von Erspartem, von Geldsendungen der Eltern und von vereinzelten Arbeitsstellen. Neben seinem Reisebericht, der mehrere Auflagen erlebt, schreibt er einige Jahre später noch ein Buch mit dem Titel „Sollen wir [[wiki:liste_ausstellungen#auswanderer|auswandern]]?“ Ihm ist ein eigener ausführlicher Bericht in dieser Reihe gewidmet worden.
  
 ==== Alfred Pfarre ==== ==== Alfred Pfarre ====
Zeile 294: Zeile 294:
 |7|[[wiki:fussreisen|Geschichte der Fußreisen]]|Trotter 93|1999| |7|[[wiki:fussreisen|Geschichte der Fußreisen]]|Trotter 93|1999|
  
-===== Wir Globetrotter ===== +===== Verweise =====
-In der Reihe //Wir Globetrotter// erschienen von Norbert Lüdtke: +
-|1|[[wiki:globetrotter|Reisen aus Leidenschaft]]|Trotter 122|2006| +
-|2|[[wiki:tourist|Sind wir nicht alle Touristen]]?| Trotter 123|2007| +
-|3|[[wiki:reise-handwerk|Was braucht der Globetrotter zum Reisen]]?|Trotter 124|2007| +
-|4|[[wiki:zeit_musse|Zeit fürs Reisen]]|Trotter 125|2007| +
-|5|[[wiki:freiheit|Von Freiheiten und solchen Reisen]]|Trotter 127|2007| +
-|6|[[wiki:fremdem_begegnen|Die Fremdheit des Reisens]]|Trotter 130 & 131|2008|+
  
----- 
 siehe auch: \\  siehe auch: \\ 
-[[wiki:literaturliste_reiseliteratur|Literaturliste zur Reiseliteratur]]\\  +→ [[wiki:Literaturliste Fahrendes Volk|Literaturliste Fahrendes Volk]] mit den Quellen zu diesem Beitrag\\  
-[[wiki:bibliographien|Bibliographien]]\\  +→ [[wiki:literaturliste_reiseliteratur|Literaturliste zur Reiseliteratur]]\\  
-[[wiki:literaturliste_fussreisen|Literaturliste zum Fussreisen]]\\  +→ [[wiki:bibliographien#Vagabunden & Walz|Bibliographien]]\\  
-[[wiki:Literaturliste Fahrendes Volk|Literaturliste Fahrendes Volk]] mit den Quellen zu diesem Beitrag\\  +→ [[wiki:literaturliste_fussreisen|Literaturliste zum Fussreisen]] 
-* [[wiki:fachliteratur|Fachliteratur]]+ 
 +  * ''A. Sacerdote''\\ //Land und Leute in Italien//\\ (=Langenscheidts Sachwörterbücher) . Berlin o.J. (ca. 1906) 454p, 44p, 16p. OLn kl. 8°\\  
 +  ''de Waal''\\ //Der Rompilger//.\\ Herder, Freiburg, 1904. 10,5 x 16,5cm, OLn, 423p, Frontispiz, 110 Abb. i. Text, Eisenbahnkarte u. Stadtplan. 
 + 
 +==== Wir Globetrotter ====
  
 +In der Reihe //[[wir_globetrotter|Wir Globetrotter]]// erschienen von Norbert Lüdtke:
 +|1|[[wiki:globetrotter|Reisen aus Leidenschaft]]|[[der_trotter|Trotter]] 122|2006|
 +|2|[[wiki:tourist|Sind wir nicht alle Touristen]]?| [[der_trotter|Trotter]] 123|2007|
 +|3|[[wiki:reise-handwerk|Was braucht der Globetrotter zum Reisen]]?|[[der_trotter|Trotter]] 124|2007|
 +|4|[[wiki:zeit_musse|Zeit fürs Reisen]]|[[der_trotter|Trotter]] 125|2007|
 +|5|[[wiki:freiheit|Von Freiheiten und solchen Reisen]]|[[der_trotter|Trotter]] 127|2007|
 +|6|[[wiki:fremdem_begegnen|Die Fremdheit des Reisens]]|[[der_trotter|Trotter]] 130 & 131|2008|
 ==== Stichwortverzeichnis ==== ==== Stichwortverzeichnis ====
  
wiki/walz.1773727189.txt.gz · Zuletzt geändert: von 52.167.144.186

Donate Powered by PHP Valid HTML5 Valid CSS Driven by DokuWiki